Grußwort von Christine Stahl

- Christine Stahl (MdL)
Ach, wie sind wir doch alle aufgeklärt. Die neuesten Computerspiele beherrschen wir, fahren technisch hochwertig ausgestattete Autos, haben den letzten Schrei an Plasma-Bildschirm im Wohnzimmer hängen und hören nur noch Musik vom i-pod.
Aber auf die menschlichsten Fragen geben Gesellschaft und der nächste Freundeskreis oft genug keine Antwort.
Sind wir wirklich so aufgeklärt, wie wir glauben zu sein? Aufgeklärt im Sinne von Offenheit und Akzeptanz gegenüber allen Menschen in ihrer individuellen Besonderheit, die auch die jeweilige sexuelle Orientierung mit einschließt und nicht nur aufgeklärt in dem Sinne, biologische Abläufe erklären und verstehen zu können?
Homosexualität in der Bildungsarbeit ist, wenn überhaupt, vorwiegend ein Thema des Biologieunterrichts und dort wird das Thema in der Regel sehr technisch abgewickelt. Emotionale Unterstützung für Jugendliche, die spüren, daß sie nicht dem gängigen Klischee von Sexualität in Werbung und Medien entsprechen, gibt es kaum und wenn, wird die Hilfe häufig aus Angst nicht in Anspruch genommen. Obwohl wir der Ansicht sein dürfen, daß die Gesellschaft mit dem Thema Homosexualität mittlerweile sehr viel unverkrampfter umgeht - muß doch niemand mehr damit rechnen, in Haft genommen zu werden - findet die alltägliche Auseinandersetzung mit dem Thema unter Gleichaltrigen denn doch eher auf aggressivem Zoten-Niveau statt. Selbst diejenigen, die AnsprechpartnerInnen bei einem coming-out sein könnten, die LehrerInnen, sind nicht immer frei von üblen Vorurteilen; so forderte ein Grundschullehrer in Oberfranken seine SchülerInnen auf: haltet euch von Minderheiten wie den Schwulen fern. Eine Erläuterung hat er hierfür nicht mitgeliefert und ich möchte sie auch gar nicht wissen. Glücklicherweise sind diese Pädagogen nicht die Regel.
Wir werden in Diskussionen über Homosexualität immer wieder aufgefordert, doch nicht so ein Aufheben um das Thema zu machen. Würden wir ja gerne, doch solange schwul oder lesbisch zu sein, der Anlaß für Jugendliche ist, Selbstmord zu begehen, für Erwachsene bedeutet, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, gleichgeschlechtliche Paare massiv benachteiligt werden, solange werden wir auf die Auseinandersetzung mit dem Thema pochen.
Der Michael-Schmidtpeter-Preis setzt in der Bildungsarbeit an, fordert und fördert LehrerInnen und SchülerInnen gleichermaßen und setzt ein Zeichen für einen sensibleren Umgang miteinander.
Christine Stahl

